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„Was veranlasst mich, vor einem Bild von Elena Strubakis stehen zu bleiben? Ich gehe ein wenig der Geschichte meiner Körperbewegungen nach, in der es um das Stehenbleiben geht. Wie verfestigen sich Bilder, wie entstehen sie überhaupt, wie wehre ich mich dagegen, dass sie sich wieder verflüchtigen?

Ich sitze auf einer Bank und warte. In einiger Entfernung hüpfen ein paar Kinder auf- und ab, offenbar nach einer Regel. Richtig: In Wien heißt das "Tempelhupfen" - das Springen auf einer Rasterfigur, mit Kreide auf den Asphalt gezeichnet, eine jahrtausende alte Figur. Ich versuche die Bewegungen festzuhalten, die sie in die Luft zeichnen – umsonst, gleich sind sie weg.

Ich bleibe stehen, weil ein Kranwagen riesige Steinplatten entlädt, sehr sorgsam, und frage den Chef der Aufsicht, was das bedeutet, ich habe so etwas noch nie gesehen. Es sind die Steine des alten jüdischen Friedhofs. Nach der Restaurierung werden sie wieder bis zu einem Drittel in die Erde gegraben, jetzt sind sie sicher. Eine Sicherheit, die nicht beruhigt.

Ich bleibe im Museum vor einer griechischen Vase stehen.
Trauernde Soldaten um den gefallenen Helden, aus der Ilias.

Viel später lese ich mit Erstaunen, dass die Vergegenwärtigung eines weit entfernten Vorgangs nicht nur für uns, die wir vom Mythos verabschiedet sind, ein Problem ist, sondern schon für einen spätgriechischen Theoretiker, Pseudo-Longinos, auf Sizilien, zur Zeit des Kaisers Augustus.

"Vater Zeus, o erlöse aus der dunklen Nacht die Achaier!/Heitere den Himmel uns auf, den Gebrauch der Augen vergönne,/Und lass doch im Licht uns wenigstens sterben!/"

Aias fleht also um das Licht, um ein seiner Mannheit gebührendes Ende zu finden, auch wenn Zeus ihm entgegenträte. "In der Odyssee liefert der Dichter aber den Beweis, dass einem großen Geist die Lust zu fabulieren bleibt." (Ästhetik der Antike, Joachim Kruger, Berlin 1983)

Dass wir Dinge und Werke, die wir als bedeutsam empfinden, oft nur als Erinnerungsmal, als Vignette behalten können – darauf macht mich die Kunst von Elena Strubakis aufmerksam. Das bedeutet aber nicht, dass diese Vignettenform das letzte Wort hat – sie hält den Zugang offen zur Welt des Mythos, der beständigen Vergegenwärtigung. Wenn wir Vasenbilder betrachten, können wir gar nicht wahrnehmen, was in den Gefäßen enthalten war: Getreide, Wein oder Asche.

Also bleibe ich stehen und schaue die Bilder von Elena Strubakis noch einmal an, dieses Mal mit größerer Bestimmtheit, in der Zeit, die mir gegeben ist.”

DDr. Werner Reiss